Anatomiewissen

Der Kopf:

Wo liegt das Kiefergelenk?
Kurz vor den Ohren! Ein blockiertes Kiefergelenk blockiert die Bewegung der ersten Wirbel. Da alle Wirbel miteinander in Verbindung stehen, wird ein längere Zeit blockiertes Kiefergelenk sogar dafür sorgen, dass das Becken des Pferdes schief steht. Es blockiert die Bewegung über knöcherne Verbindungen einerseits und andererseits auch über die Muskelverspannung und Faszien im gesamten Körper.

Ein Mensch mit einer Kieferblockade bekommt eine Zahnspange über Nacht verschrieben, um Verspannungen im Nacken zu lösen, wenn die Zähne zu fest aufeinandergebissen werden.

Durch zu fest angezogene Nasenriemen und erst recht Sperrriemen kann das Pferd also massiv beeinträchtigt werden. Wenn es durch die Zusammenschnürung z.B. sein linkes Kiefergelenk blockiert, wirkt sich das durch Faszienketten sehr schnell auf das rechte Illiosakralgelenk aus (die Verbindung zwischen Becken und Wirbelsäule). Diese blockiert ebenfalls und dann ist eine gleichmäßige Kraftübertragung aus den Hinterbeinen auf den Rücken nicht mehr möglich. Das Pferd kann nicht mehr über den Rücken gehen und sich somit nicht mehr gesund bewegen.
Anatomiewissen

Zungenbein:
Dies ist ein H-förmiger Knochen zwischen den Unterkieferästen. Er ist über Muskeln und Faszien mit der Hals- und Schultermuskulatur verbunden und somit mit dem gesamten Körper. Dadurch kann ein blockiertes Zungenbein zu Problemen in ganz anderen Körperregionen führen.

Zähne:
Bis wohin reichen die Zähne im Maul? Bis kurz vor das Kiefergelenk, genau wie bei uns. Also bis fast vor die Ohren. Aber das ist ja eigentlich logisch, dass es eine so lange Zahnreihe ist, weil das Pferd mit seinen Backenzähnen Holz zermahlen kann. Ein Pferd hat 36 (Stuten) oder 40 (Hengste und Wallache) Zähne. Aufgeteilt in je 6 Schneidezähne, 2 Eckzähne bei den männlichen Tieren und 12 Backenzähnen, wovon 2 nicht immer ausgebildet sind (Wolfszahn).

Der zahnfreie Teil im Maul wird Laden genannt. Dort liegt das Gebiss platziert. Jedoch geben Zunge und Gaumen trotzdem für gewöhnlich nicht viel Platz für ein Gebiss. Man sollte sich das Maul des Tieres immer erst ansehen, bevor man ein Gebiss hineinlegt. Ein dickes Gebiss mag physikalisch gesehen weicher wirken, hat aber selten Platz im Pferdemaul und stört daher eher, als dass es nutzt. Aber fragen Sie bei der Gebissauswahl immer dein Pferd! Es wird durch sein Verhalten anzeigen, ob es damit klar kommt oder nicht, wenn Sie bereit bist, ihm zuzuhören. Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob das neue Gebiss gut ist, machen Sie nach ein paar Tagen Nutzung den Gegentest mit dem alten Gebiss. Sie werden merken, ob es einen Unterschied gibt. Diese „Technik“ können Sie natürlich für alle Hilfsmittel nutzen. Hören Sie Ihrem Pferd zu und weichen nochmal zurück. So merken Sie am besten schleichende Veränderungen.

Foramen:
Das sind Löcher im Schädelknochen, durch die Nerven an die Oberfläche treten. Sie liegen teilweise dort, wo gebisslose Zäumungen am Pferdekopf aufliegen.

Lufttrompete:
Die Nüstern reichen viel höher, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Wenn dort ein Nasenriemen aufliegt, behindert dieser die Atmung des Pferdes, selbst wenn er nicht strammgezogen ist. Wenn der Nasenriemen oder sogar der Sperrriemen ohne die vorgeschriebenen 2cm Luft zwischen Nasenriemen und Nasenbein angezogen werden, wird die Atmung und die Kieferbeweglichkeit behindert! Machen Sie einen kurzen Selbsttest: Atme bewusst durch die Nase ein und aus. Dann legen Sie Ihre Zeigefinger sanft auf beide Nasenflügel. Nun atmen Sie wieder durch die Nase. Merken Sie, wie sehr es stört, nur weil die Ausdehnung verhindert wird? Genauso geht es wohl auch dem Pferd.

Wo verläuft die Halswirbelsäule? Nicht wie viele Menschen glauben, oben unter dem Mähnenkamm. Sie verläuft relativ weit unten, und ist bei mittlerer oder hoher Halshaltung s-förmig gebogen.

Mittelhand:
Der Widerrist wird von den Dornfortsätzen der Brustwirbel 3-5/6 gebildet und ist (meist) die höchste Stelle des Rückens.

Die Schultern sind frei am Rumpf beweglich, da das Pferd, wie fast alle Vierbeiner, kein Schlüsselbein besitzt. Somit besteht keine knöcherne Verbindung zwischen der Vordergliedmaße und dem Rumpf. Der Brustkorb ist über eine Muskelschlinge und Faszien zwischen den Schulterblättern aufgehängt. Dadurch kann der Wiederrist einerseits durch Anspannung der Brustmuskulatur angehoben werden und ein gut trainiertes Pferd wächst messbar. Der Brustkorb kann aber auch etwas nach unten sinken, wenn das Pferd schwach bemuskelt ist, oder wenn das Pferd nach einem (Galopp-)Sprung auf der Vorhand landet. Das ist auch gut so. Hätte das Pferd ein echtes Gelenk zwischen Schulter und Brustkorb, würde dieses wohl schon nach wenigen Sprüngen durch Überlastung brechen.

Das Pferd hat 18 Rippenpaare. Diese sind gelenkig mit den 18 Brustwirbeln verbunden. Die 10 Paare Atmungsrippen können sich bewegen, weil sie nicht starr mit dem Brustbein verwachsen sind. Der Sattel liegt auf den Rippen auf, und somit kann ein schlecht passender Sattel und ein schlechter Reiter die Atmung behindern.

In der Lendenwirbelsäule ist etwas mehr Seitenbiegung möglich als in der BWS, aber auch nicht viel, da die Querfortsätze recht lang sind. Das Kreuzbein besteht aus fünf Kreuzwirbeln, die beim erwachsenen Pferd miteinander verwachsen sind. Daran ist mit einem unechten Gelenk (Iliosakralgelenk) das Becken befestigt. Diese Verbindung ist recht starr, weil hierdurch die Bewegung der Hinterhand auf den restlichen Körper übertragen wird.

Hinterhand:
Alle Gelenke der Hintergliedmaße sind von Natur aus gewinkelt, sie stehen nicht senkrecht übereinander wie bei uns. Es gibt noch ein Winkel mehr als in der Vordergliedmaße, daher ist noch mehr Sprungkraft möglich, die Gelenke samt Muskeln funktionieren wie eine Sprungfeder. Die Vordergliedmaße ist etwas gerader, um die Stabilität zu gewährleisten.

Muskulatur:
Insgesamt verfügt das Pferd über 520 einzelne Muskeln. Es gibt kleinere, größere, längsgestreifte und quergestreifte Muskeln. Manche sind Tragemuskeln, Bewegungsmuskeln oder Haltemuskulatur. Muskeln die vom vegetativen (autarken) Nervensystem gesteuert werden, und Muskeln die vom willkürlichen, sensorischen Nervensystem gesteuert werden.

Das Nervensystem sendet einen Reiz an den Muskel etwas zu tun.

Diese „Mitteilung“ ist äußerst eintönig, denn sie lautet IMMER gleich – anspannen! Muskeln können sich einzig und alleine zusammenziehen (kontrahieren) – nicht mehr und nicht weniger! Sie können sich nicht strecken, nicht drehen, nur zusammenziehen.

Nun aber etwas genauer: Wie funktioniert ein Muskel?
Muskelarbeit kann man mit einem Schwamm vergleichen: Wenn ich einen Schwamm ins Wasser lege, saugt er sich voll. Genau wie ein passiver Muskel, der durchblutet wird. Wenn ich nun den Schwamm herausnehme und ausdrücke, geht das Wasser heraus, genau wie durch Muskelanspannung das Blut aus dem Muskel gepresst wird. Erst wenn der Schwamm wieder losgelassen wird, kann er sich wieder mit Wasser vollsaugen, genau wie die Muskeln auf Dauer nicht mehr durchblutet werden können. (Muskel bekommt erst bei Entspannung wieder frisches Blut). Wenn der Schwamm auseinandergezogen wird, wird das Wasser herausgepresst: bei Muskeldehnung wird auch das Blut aus den Zellen gepresst.

Der Muskel kann also drei Zustände haben: sich anspannen, entspannen und dehnen lassen. Alle Zustände müssen sich regelmäßig abwechseln, damit der Muskel optimal funktioniert. Das bedeutet, wenn ein Muskel zu lange gedehnt wird oder zu lange angespannt wird, funktioniert die Durchblutung nicht mehr gut. Zu wenig Sauerstoff kommt in den Zellen an, zu wenig Abfallstoffe werden abtransportiert. Wie sich das anfühlt, kennen wir wohl alle: Mal wieder zu lang am Schreibtisch gesessen, schon tun Nacken und Schultern weh! (Das ist übrigens eine zu lange Dehnung, nicht Verspannung). Genauso fühlt sich das für unser Pferd an. Die Frage ist noch- was ist zu lange? Eine statische, also dauerhafte Anspannung ist sicherlich anstrengender als Bewegung. Testen Sie mal, wie lang Sie eine Faust ballen können. Nicht sehr lang, oder? Wenn ein Pferd seinen Kopf mit einem Hilfszügel oder harter Hand in eine Position gezogen bekommt, kann es das auch nicht lange schmerzfrei aushalten, da einfach die Durchblutung nach wenigen Minuten sehr schlecht wird.

Wenn ein Muskel verspannt ist, kann er nicht mehr gedehnt werden. Er wird kürzer. Der Antagonist (Gegenspieler) zieht aber weiter am Knochen und zieht diesen eventuell schief in das Gelenk hinein. Also muss der Muskel massiert werden und so wird die Gelenkblockade gelöst. Der gelockerte Muskel muss dann gedehnt und trainiert werden. Es sollte überprüft werden, warum der Muskel verspannt war.

Wie werden Gelenke bewegt?
Ein Gelenk besteht aus 2 Knochenenden, die mit Knorpelkappe überzogen sind, eine Gelenkkapsel umschließt sie und Bänder fixieren die Knochen aneinander. In der Gelenkkapsel wird Synovia gebildet, ein Stoff, der erst durch Bewegung flüssig wird und so die Knorpel schmiert und vor Verschleiß schützt. Die Gelenkkapsel wird durch Bänder stabilisiert. An jedem der beiden Knochen inserieren Muskeln und Sehnen. Wenn ein Muskel anspannt, wird sein Gegenspieler vom Gehirn gleichzeitig entspannt, damit er von dem anspannenden Muskel gedehnt werden kann.

Es gibt so viele Muskeln im Körper, die ein Laie gar nicht kennen muss. Ich beschreibe hier nur ein paar Muskeln, die für den Reiter relevant sind. Natürlich arbeitet der Körper als Einheit und eigentlich sind daher alle Muskeln wichtig, aber der interessierte Leser findet sicher passende Anatomie-Bücher.

Die sogenannte obere Verspannung oder Rücken-Nackenkette besteht aus den Muskeln:
M. rhomboideus, M. Longissimus dorsi, M. Glutaeus medius, M. Semitendinosus, M. Gastrocnemius, und der tiefen Beugesehne.

Die „untere Verspannung“ wird von den vier Schichten Bauchmuskulatur, Brustmuskulatur (M. pectoralis descendes et acendes) und dem Unterhals (u.a. M. Brachiocephalicus) gebildet.

Jeder Muskel hat einen oder mehrere Gegenspieler.

Wichtige Beispiele:
Die sechs Kopfbeweger für die Bewegung in jede Richtung sind relativ kurz und schwach. Beim Reiten mit sehr hartem Zügeleinsatz oder zu kurzen Hilfszügeln können diese Muskeln nicht mehr halten und der Hals knickt zwischen 2. und 3. Halswirbel ab. Dort beginnt der M. rhomboideus, welcher länger und somit stärker ist. So entsteht der „Falsche Knick“ oben am Hals sichtbar, ca. 30cm hinter den Ohren.

M. trapezius und M. pectoralis bewegen die Schulterblätter bzw. ziehen die Vorderbeine weiter auseinander (trapezius) oder mehr zusammen (pectoralis) Wenn einer der beiden verkrampft, beeinflusst er die Bewegung des anderen. Also Achtung: bei unpassendem oder zu straffem Sattelgurt (M. pectoralis) und zu engem Sattel (M. trapezius) wird die Beweglichkeit der Vorderhand massiv eingeschränkt.
Die Muskel M. brachiocephalicus und M. latissimus dorsi bewegen den Oberarm. Auf letzterem liegt ebenfalls der Sattel auf. Also kann die Rückführung des Vorderbeins durch unpassenden Sattel und schlechten Reiter gestört werden.

Die M. intercostalii sind die Zwischenrippenmuskulatur. Sie dient zur Atmung. Ein zu strammer Gurt, klopfende Schenkel oder starker Sporeneinsatz behindern die Atmung. Das ist natürlich bei dem Leistungssportler Pferd sehr ungünstig…

Die Bauchmuskeln sind die Gegenspieler zur Rückenmuskulatur. Die Bauchmuskeln setzen am Rippenbogen an und am Becken bzw. Oberschenkel, sind also dafür verantwortlich, dass das Pferd den Rücken aufwölben kann und Versammlung zeigen kann.

Alle Gelenke der Hinterhand können nur gleichzeitig bewegt werden, weil verschiedene Bänder und Muskeln alle Gelenke miteinander verbinden. Alle Muskeln die vor den Knochen sitzen, bewegen das Bein nach vorne, alle dahinter, nach hinten. (Rückschub) Bei Versammlung müssen letztere sehr dehnbar sein, erstere sehr stark.

Ab dem Karpalgelenk bzw. Sprunggelenk sind im Pferdebein keine Muskeln mehr vorhanden, sondern die Bewegung erfolgt über Sehnen. Das bedeutet, dass der untere Teil des Beins schlechter durchblutet ist. Sehnenverletzungen heilen nicht so schnell, weil Sehnen insgesamt schlechter durchblutet werden. So kommt weniger Sauerstoff und andere Reparaturstoffe zu den Zellen und Abfallstoffe werden schlechter abtransportiert.